Der neue Lysenkoismus: Degrowth als wissenschaftliches Wunschdenken
Über die Renaissance ideologischer Wissenschaft in der Energiepolitik
Man stelle sich vor, ein Wissenschaftler behauptet, man könne Bäume schneller wachsen lassen, wenn man sie regelmäßig lobt. Nicht ironisch. Sondern mit dem vollen Ernst einer „transformativen Vision”. Das klingt absurd? Willkommen im Diskurs der Degrowth-Anhänger — und ihrer begeisterten Jüngerschaft aus den Reihen der Sozialwissenschaft.
Denn was früher Lyssenko war, ist heute Degrowth: die Wiedergeburt des wissenschaftlichen Wunschdenkens in moralischem Gewand. Damals wurde die Genetik als „bourgeoise Ideologie” diskreditiert, heute gilt wirtschaftliches Wachstum als „toxisch”, „extraktivistisch” oder — besonders beliebt — „strukturell gewaltförmig”. Belege? Nachrangig. Hauptsache, der moralische Kompass zeigt auf Erlösung.
Die akademische Kakophonie
Und so sitzen sie, zu Hunderten, in Seminaren, Panels und Transformationslaboren — die Soziologinnen und Soziologen, Ideologen, “Aktivist..*,-*:Innen” und alles dazwischen, die sich feierlich zur Schrumpfung bekennen. Wachstum ist böse, Effizienz ein neoliberaler Trick, Innovation ein technoid-koloniales Narrativ. Dass sich mit dieser Weltsicht kein funktionierender Sozialstaat aufrechterhalten lässt? Ein Detail. Irgendwie wird der Strom schon aus dem kollektiven Bewusstsein kommen. Oder aus dem Wind — wenn er denn gerade weht. Oder aus dem Stromspeicher — der dummerweise noch nicht existiert. In Wahrheit sichern derzeit unsere europäischen Nachbarn die Versorgung ab — mit ihren (Kern-)Kraftwerken. Und selbstverständlich lassen sie sich das auch vergüten — wäre ja auch töricht, wenn nicht.
Deutschland als Versuchslabor
In dieser wissenschaftlichen Kakophonie nimmt Deutschland eine Sonderrolle ein: als praktizierendes Versuchslabor stark ideologisch geprägter Energiepolitik. Mit viel Pathos wurde die Kernenergie abgeschaltet — nicht wegen konkreter technischer Risiken, sondern zur Befriedigung eines grünen Bauchgefühls und einer temporären öffentlichen Erregung.
Die Folge? Ersatz durch Braunkohle. CO₂-arme Kraftwerke mit höchsten Sicherheitsstandards werden vom Netz genommen, um durch neue Gaskraftwerke ersetzt zu werden — die eines Tages vielleicht „grün” werden sollen, bis dahin aber fossiles Methan verbrennen.
Und Speicher? Ach ja, Speicher. Ein Thema für die „nächste Ausbaustufe”, sagen die Minister — ganz nach dem Prinzip: Erst das Netz destabilisieren, dann über Lösungen philosophieren.
Diese Kombination aus Selbstgerechtigkeit, Technikskepsis und Energie-Illusion ist im Grunde das Realexperiment zur Degrowth-Theorie:
- Strompreise steigen
- CO₂-Emissionen sinken kaum
- die Industrie verliert Vertrauen
- und das Einzige, was zuverlässig wächst, ist der politische Erklärungsbedarf
Die Geburtswehen einer neuen Zeit
Aber im Elfenbeinturm wird das nicht als Krise verstanden — sondern als Geburtswehe einer neuen Zeit. Schrumpfen, so heißt es, sei nicht das Problem, sondern die Lösung. Man müsse die „imperiale Lebensweise dekonstruieren” und die Menschen zu einem „nachhaltigen Genügsamkeitssubjekt” erziehen. Dass der Großteil der Bevölkerung da nicht mitmacht, gilt als Beweis für ihre „strukturelle Kognitionsverweigerung”. Oder wie es neuerdings heißt: für „Widerstand gegen Transformation”.
Die akademische Begeisterung ist frappierend. Man ruft zur Degrowth-Utopie auf — in einer Welt, in der Milliarden Menschen noch auf das erste Antibiotikum, den ersten Stromanschluss und den ersten vollen Kühlschrank warten. Es ist die Renaissance des pädagogischen Absolutismus, diesmal nicht marxistisch, sondern klimapolitisch grundiert. Die Theorie ersetzt das Modell, das Weltbild ersetzt die Welt.
Es ist der neue Lysenkoismus — nicht im Agrarlabor, sondern im Seminarraum. Auch damals war das Problem nicht nur die Ideologie, sondern der Applaus derer, die es besser hätten wissen müssen.
Frei nach dem Motto:
Wenn die Realität nicht zur Theorie passt — muss die Realität eben weichen.
Die realen Folgen
Doch all das wäre bloß akademischer Unfug mit Unterhaltungswert — wenn es nicht reale Folgen hätte. Denn Energiearmut ist keine Denkfigur, sondern ein handfester Verarmungsmotor. Wo Energie knapp und teuer wird, steigen Produktionskosten, sinkt Beschäftigung, steigen Lebenshaltungskosten — und am Ende fällt das Netz des Sozialen. Weniger Energie heißt immer auch: weniger Chancen, weniger Teilhabe, weniger Leben. Nicht im metaphorischen Sinn, sondern messbar: niedrigere Lebenserwartung, schlechtere Bildung, kalte Wohnungen, verschlechterte medizinische Versorgung.
Was hier als „Transformation” verkauft wird, ist in Wahrheit ein gefährlicher Rückbau — orchestriert von einer selbstgerechten Boheme, die sich ihre demonstrative Askese mit Netflix-Abo, Lastenrad und sicherer Drittmittelstelle vergoldet. Während andere mit der Realität kämpfen, nicht mit Narrativen, inszenieren sie den Verzicht als moralische Überlegenheit. Es ist das Projekt einer ideologisierten Elite, die glaubt, besser zu wissen, was gut für die Menschen ist — und die bereit ist, sie notfalls von ihrem eigenen Leben zu „befreien”. Von Konsum, von Wahlmöglichkeiten, von Verantwortung.
Denn was sich hinter der Degrowth-Vision wirklich verbirgt, ist nichts anderes als ein autoritäres Projekt gegen das Individuum — und gegen die Würde der realen Welt.
Dieser Essay ist eine provokante Kritik an aktuellen Strömungen in Wissenschaft und Politik. Widerspruch, Debatte und fundierte Gegenrede sind ausdrücklich erwünscht.